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"Der Mensch in seinem elenden Zustand..."

17 und ich richtete mein Herz darauf, die Weisheit zu erkennen, und zu erkennen, was Tollheit und Unverstand sei; aber ich habe auch das als ein Haschen nach Wind erkannt. (Prediger 1:17, Schlachter)

10 Ich habe das mühselige Geschäft gesehen, das Gott den Menschenkindern gegeben hat, damit sie sich damit abplagen.
11 Er hat alles vortrefflich gemacht zu seiner Zeit, auch die Ewigkeit hat er ihnen ins Herz gelegt — nur dass der Mensch das Werk, das Gott getan hat, nicht von Anfang bis zu Ende ergründen kann.
(Prediger 3:10-11, Schlachter)

Es sieht der Mensch, daß er selber in seinem elenden Zustand einen doppelten Samen in sich habe, hauptsächlich aber den des Bösen. Trotzdem weiß er die Ursprünge des Guten und Bösen nicht zu finden. In diesem seinem Unvermögen, in dem er den Ursachen seiner selbst nachspürt, ohne sie jedoch entdecken zu können, wendet er sich mit seinen Gebeten an den höchsten Urheber aller Dinge und bekennt dann der Wahrheit gemäß, da er von der gar zu spitzfindigen Erforschung der Dinge ermüdet ist, daß der Sinn für das Beste, ja das Heil selbst nicht durch die bloße Untersuchung der Natur, sondern durch die Wirksamkeit des Willens Gottes in den zu allernächst liegenden Dingen erworben werde.

Auf dem einfachsten Weg des Forschens nun, da er von einem entschiedenen Ekel vor sich selbst ergriffen ist, betrachtet er jetzt die Eitelkeit der Erde und alles dessen, was unter der Sonne ist. Da nimmt er wahr, daß die Dinge der größten Eitelkeit und Unbeständigkeit unterworfen sind, daß zwar in diesen unbeständigen und wandelbaren Dingen, der Sonne, dem Mond, den Winden, den Flüssen, dem Meer und auch den menschlichen Einrichtungen eine gewisse Beständigkeit herrscht, aber doch durch dies alles das Verlangen der Sinne und die Begierde zu wissen, zu sehen, zu hören nicht gesättigt wird.
Durch diese Dinge wird der Weise und der Tor gleichermaßen ergriffen und zur Unbeständigkeit gereizt, weil eins immer dem anderen entgegensteht.

Was der eine hervorbringt, das verdirbt der andere,
was der eine pflanzt, das reißt der andere wieder aus,
was der eine zusammenfügt, das zertrümmert der andere,
und was der eine aufbaut, das wirft der andere auseinander.

Auf weinen folgt Lachen,
auf Trauer Frohlocken,
auf Liebe Haß,
auf Krieg Frieden,
auf Lärmen Stillschweigen.

Alles verändert sich und wird verzehrt. Es wird in das Chaos der ursprünglichen Kräfte wieder aufgelöst, was zur Substanz sich vereinigt hatte. Der Odem „der Leben“ selbst kehrt dahin zurück, woher er gekommen war.
...

(Friedrich Christoph Oetinger 1702-1782, „ Die Weisheit auf der Gasse“, Zeugnisse der Schwabenväter)


Verfasst: 12.06.2026, 06:19 Uhr

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