8 Im Übrigen, ihr Brüder, alles, was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was wohllautend, was irgendeine Tugend oder etwas Lobenswertes ist, darauf seid bedacht! (Phil 4:8, Schlachter)
„...kurze Augenblicke der Offenheit“ (Teil I)
Was das Klima unserer Beziehungen zu einem anderen Menschen verwandelt, ist nur ein kurzes Aufleuchten von Redlichkeit und Wahrhaftigkeit, kurze Augenblicke der Offenheit. Völlige Durchsichtigkeit gibt es nicht. Es gibt nur eine aus allen anderen Beziehungen hervorgehobene menschliche Beziehung, bei der man ein Höchstmaß von Offenheit erreichen kann, nämlich die Ehe. Und eben dies gibt dem ehelichen Gespräch seinen unvergleichlichen Reichtum, seinen wunderbaren Einfluß darauf, daß sich das wahre Ich ausbildet, daß man zu sich selber kommt, sofern es sich dabei um ein wirkliches Gespräch handelt.
Schon vor der Verlobung gibt es für zwei Menschen, die sich lieben, zwei verschiedene Wege: den Weg, der zur Wahrhaftigkeit führt, und den Weg der Berechnung, den Weg, auf dem man sich so gibt, wie man ist, und den Weg der Konstruktion einer Rolle. Im schönen Gefühl der aufkeimenden Liebe hat es immer den Anschein, als ob der Weg der völligen Offenheit gar nicht schwer sei. „Ich kann meinem Verlobten alles sagen, denn ich fühle, daß er mich versteht.“
Aber das eigentliche Gespräch hat noch kaum begonnen. Nicht die erste und mühelose Gemeinsamkeit, so wunderbar sie auch sein mag, nicht der Eindruck, dieselben Gefühle, dieselben Worte und dieselben Gedanken miteinander zu teilen, sind das eigentliche Gespräch. In einem wahren Gespräch stehen sich notwendigerweise zwei verschiedene Persönlichkeiten gegenüber, von denen jeder ihre eigene Vergangenheit, ihre Erziehung, ihre Lebensauffassung und ihre Vorurteile, ihre Leidenschaften und ihre Fehler und in jedem Fall ihre eigene männliche bzw. weibliche Psychologie hat. Früher oder später entdecken die beiden Ehegatten erst, daß sie viel verschiedener voneinander sind, als sie zunächst geglaubt hatten.
Entweder zwingt nun der eine dem anderen seine eigene Art und seinen Willen auf, dann liegt kein Gespräch mehr vor, denn eine der beiden Personen steht im Schatten, und ihre freie Verfügung über sich selbst ist gelähmt. Oder aber das Gespräch muß schwierige Wendungen vollführen. Der eine sagt dann dem anderen: „Ich kann einfach nicht verstehen, daß du so handelst.“ Hier taucht das obenerwähnte Risiko auf, verurteilt oder gar preisgegeben zu werden, und zugleich die Versuchung, diesem Risiko zu entgehen, indem man bestimmte Dinge verheimlicht.
In vielen Ehen ist es leider in einer paradoxen Verstrickung gerade die Sorge um die gute eheliche Eintracht und um das Fortbestehen der ehelichen Liebe, welche die Partner nach und nach von der Offenheit entfernt: „Hierüber spreche ich möglichst nicht mit meinem Mann, denn das regt ihn zu sehr auf. Er wird sofort ärgerlich, es kommt zu einer Auseinandersetzung, und wir lassen uns dazu hinreißen, Dinge zu sagen, die wir später bedauern. Wozu soll das gut sein? Es kommt doch nichts anderes dabei heraus, als daß wir uns beide ein Stück weiter voneinander entfernen.“
Man verstehe mich recht: Ich verurteile nicht etwa diese Haltung. Oft sind alle andern möglichen Lösungen noch schlechter. So aber bewahren in vielen Ehen die beiden Ehegatten nach außen hin eine gewisse Harmonie, kennen auch noch manche schönen gemeinsamen Augenblicke, teilen viele Freuden und Sorgen miteinander, werden sich dabei aber einander doch immer fremder. Das wahre Gespräch zwischen ihnen wird immer schwieriger.
Es ist immer eine Ablehnung der Liebe und in gewisser Weise ein Verzicht auf die Ehe, wenn man anfängt, zu berechnen, was man sagt und was man nicht sagt, selbst wenn es in der besten Absicht geschieht, die Liebe zu erhalten. Man steht damit im Widerspruch zu dem von Gott gegebenen Gesetz der Ehe: „So sind sie nun nicht zwei, sondern ein Fleisch“ (Mat 19:6). Hier ist es nicht mehr wie zwischen Kind und Eltern, wo das Kind ein Recht auf seine Geheimnisse ihnen gegenüber besitzt, denn der Ehegatte ist der in freier Entscheidung ausgesuchte Vertraute. Der gleiche Bibeltext sagt ausdrücklich: „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen“ (1. Mose 2:24).
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(Paul Tournier, „Mensch sein ohne Maske“)
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