Liebe Brüder und Schwestern, meine heutigen Gedankengänge sind inspiriert durch den heutigen Gemeindebesuch und der Bibelstudium-Gruppe. Das Thema Gewissensfreiheit und sekundär Theologie in einem Kontext zu bringen ist nicht ganz so einfach, aber ich versuche es einfach mal ...
Die Puzzle-Ebenen: (Gott würfelt nicht)
Betrachten wir einmal ein Puzzle mit 1000 Teilen aus Karton. Ziel ist es, in einer unbestimmten Zeitspanne die einzelnen Teile zu einem Motiv zusammenzusetzen. Das ist das Funktionsprinzip. Das ist Ebene 1. Ebene 2: Es gibt keine Variationsmöglichkeiten; jedes Teil ist exakt vorbestimmt, denn es gehört zum Ganzen, dem eine feste Position zugewiesen ist. (Gott definiert vor)
Nun stellen wir uns dasselbe Puzzle noch einmal vor: Dasselbe Motiv, wieder 1000 Teile, diesmal aber aus Kunststoff statt aus Karton. Wenn man beide Puzzles – das aus Karton und das aus Kunststoff – mischt, hat man 2000 Teile und damit zugleich eine Ebene 3 geschaffen, in der eine Variation entsteht. Es spielt jetzt keine Rolle, ob man das exakte Teil aus Karton oder Kunststoff wählt: Es passt und führt zum gewünschten Ziel, dem Motiv. (Der Mensch wählt, nicht Gott, der bestimmt)
Wiederholt man den Vorgang mit dem Faktor X, erhalten wir ein einziges Motiv, bestehend aus X Teilen unterschiedlicher Materialien. Das Frontmotiv bleibt dabei stets dasselbe; die Rückseite bildet hingegen ein buntes Wirrwarr, das oft schon fast selbst ein Motiv darstellt. (Der Konflikt)
Dieses Beispiel beschreibt eine klassische Bildung eines Konfigurations-/Zustandsraums durch das kartesische Produkt, das nach keinem geringeren als vom Philosophen René Descartes benannt wurde.
Die Gesamtkonfiguration wird durch Zuordnungen von Positionsvektoren zu Materialtypen beschrieben. Mit X Materialien entsteht dabei eine (X)^1000-Mengen an möglichen Zuordnungen; die sichtbare Zielabbildung bleibt aber identisch, während die interne Materialzuordnung variiert. Ein Mathematiker erkennt hier vielleicht einen Isomorphismus wohingegen wir aus der philosopischen Theologie und Mystik eindeutig einen "Interpretations-Pluralismus" erkennen, beziehungsweise ableiten "können".
Man wählt, oder ich habe dieses konkrete Beispiel gewählt, um mit dem Gesetz der Logik aufzuzeigen, worum es beim Thema Gewissensfreiheit und sekundär Theologie im Kern geht. Denn viele Brüder und Schwestern erkennen oft den tieferen Kern dahinter nicht, was nicht selten an einem vererbten Dogmatismus liegen "könnte", der selbst Teil des Problems ist. (Die Abwesenheit der Gewissensfreiheit)
Nun möchte ich dasselbe Beispiel auf unseren christlichen Glauben anwenden und erhoffe mir, das es mir gelingt die gleiche Systemlogik dahinter erkenntlich zu machen.
Ich war heute wie gesagt beim wöchentlichen Bibelstudium / Bibelkreis in der Gemeinde. Hier sind wir gerade mit dem Lukas Evangelium fertig geworden und haben die Apostelgeschichte begonnen. Wie schon häufiger aber heute ganz besonders, ist mir dabei aufgefallen wie unterschiedlich jeder einzelne Teilnehmer hinter seinen Glaubensüberzeugungen steht und jeweilige Verse unterschiedlich deutet. So erkennt man hier klar den sogenannten Interpretations-Pluralismus, der es ermöglicht die biblische Lehre unterschiedlich auszulegen. Was in der römisch-katholischen Kirche durch ihren Absolutheitsanspruch, den sie selbst erheben, undenkbar wäre ist bei uns in der Freikirche erfreulicherweise möglich und das ist meiner Meinung auch gut so.
Nun war es so, das dadurch heute eine wirklich extrem große Polarität im Raum stand, wo die Meinung eines überzeugten Allversöhner mit der Meinung einer klassischen Himmel und Hölle Lehre kollidierte und man bemerkte das man nicht auf einen Nenner kam. Dies wiederholte sich dann bei Themen, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist, wo ich dann Position bezog, oder Themen um den Begriff Ewigkeit und was der Begriff richtig übersetzt bedeutet usw.
Am Ende, wo jeder einzelne die Diskussion noch mal reflektierte, kamen wirklich alle wie wir versammelt waren zu dem Schluss, das in unserer Gemeinde die "Gewissensfreiheit" sehr hoch geschrieben und auch garantiert wird. Genau das ist es, wo für wir Baptisten auch stehen und was einige andere Denominationen nicht verstehen, da sie den Kern dahinter nicht verstehen (Beispiel mit den Puzzle-Ebenen)
Ein Bruder legt die Bibel sehr Zeitgeist entsprechend liberal aus wo ich hingegen die Bibel wortwörtlich auslege und auch den Wert darin erkenne. Für den einen steht Paulus höher als Jakobus, für den einen ist dies und für den anderen das usw.
Natürlich kommt es so zu Widersprüchen und Uneinigkeiten aber bei uns auch zu der Erkenntnis, das all diese "nicht heilsrelevanten" Deutungen und Auslegungen der Verse, die in die Kategorie sekundär Theologie zuzuordnen sind, genau diese Puzzleteilchen von unterschiedlichem Material sind. Jede subjektive Glaubensüberzeugung ist ein Material des Puzzleteilchens, das Motiv (Jesus) als einziger Weg bleibt aber erhalten. - Ergo, viele Wege führen zu Jesus unseren Herrn, aber Jesus ist der einzige Weg zurück zum Vater. Das Motiv bleibt also immer gleich, nur die Variablen es zu erstellen unterscheiden sich und da ist ein Maximum an Gewissensfreiheit definitiv nicht hinderlich, da man dadurch die Chance auf neue Sichtweisen erlangt, wie ich heut selbst erfahren durfte. Halleluja!
Tolerieren heißt nicht automatisch Akzeptieren, und der Wettstreit der besseren Argumente ist in der Theologie nicht primär zu behandeln, da Gott für jeden Einzelnen einen Plan und Weg bereithält, die sich nun mal unterscheiden können.
Bedeutet das jetzt, dass man wirklich grenzenlos die Gewissensfreiheit bis zum Absurdum ausschöpfen kann? Natürlich nicht, denn das Wort Gottes in der Bibel ist keineswegs beliebig. Eine Gefahr besteht darin, dass der Teufel als Widersacher die gesunde Lehre umkehrt. Eine Irrlehre erkennt man also daran, dass sie sich theologisch nicht mit der Bibel selbst erklären lässt. Alles andere ist keine Irrlehre, sondern lediglich ein Interpretationspluralismus. Mir hat diese Erfahrung und Erkenntnis heute sehr geholfen – und das auf verschiedenen Ebenen.
Trotz völlig unterschiedlicher Interpretationen (Puzzleteilchen) haben wir am Ende die Nächstenliebe walten lassen und voneinander gelernt. - Heißt es also pip pip pip wir haben uns alle lieb, dann läßt sich dieser Zustand durchaus durch Logik und Erkenntnis erreichen.
Fazit: Verlässt man nicht das Fundament des Evangeliums, kann man gerne die Puzzleteilchen nach seinen belieben erwählen und auch präsentieren.
Wünsche euch noch einen gesegneten Abend,
LG. Marco
Kommentare zu diesem Blogeintrag
Danke, daß du uns wieder einmal mitnimmst durch deine Betrachtung der Dinge!
Deine Zitate:
"Natürlich kommt es so zu Widersprüchen und Uneinigkeiten aber bei uns auch zu der Erkenntnis, das all diese "nicht heilsrelevanten" Deutungen und Auslegungen der Verse, die in die Kategorie sekundär Theologie zuzuordnen sind, genau diese Puzzleteilchen von unterschiedlichem Material sind."
"Ergo, viele Wege führen zu Jesus unseren Herrn, aber Jesus ist der einzige Weg zurück zum Vater. Das Motiv bleibt also immer gleich, nur die Variablen es zu erstellen unterscheiden sich und da ist ein Maximum an Gewissensfreiheit definitiv nicht hinderlich, "da man dadurch die Chance auf neue Sichtweisen erlangt," wie ich heut selbst erfahren durfte. Halleluja! "
Sehr treffend formuliert!
@mpeace24 Vielen Dank, das war heute wirklich für mich wieder ein sehr bereichernder Tag in der Gemeinde.
LG